Integration in Frankreich Teil 1

Integration in Frankreich Teil 1

Sprache als Schlüssel zur Kultur?

 

In einer binationalen Familie zu leben birgt so manche Herausforderungen.

 

Dabei ist der offensichtliche Teil die Sprache. Die Muttersprache meiner Kinder wird immer das Französische sein. Und da sei in Kürze nur ein Beispiel genannt um die grossen kulturellen Unterschiede zu meiner sprachlichen Heimat, dem Deutschen zu verdeutlichen. Wenn meine Kinder also in der Gewissheit aufwachsen, dass der Mond im französischen la lune in ihrer Welt aber weibliche Attribute hat und die Sonne im französischen le soleil männliche Attribute, dann ist ihre Sicht auf das Leben schon eine ganz andere. Denn gerade in Kindergeschichten ist die Personifizierung von Sonne und Mond und die damit verbundenen Adjektive ein beliebtes Thema. Integration bedeutet nun gerade solche Unterschiede erstens zu erkennen und zweitens zu respektieren. Das setzt ein gewisses Bildungsniveau voraus was viele nicht haben weil ihnen der Bildungsweg aus verschiedenen Gründen nicht offen steht.

Meine drei Kinder sind allesamt in Düsseldorf geboren und haben dort auch ihre Babyzeit verbracht.

2011 sind wir dann aus beruflichen Gründen nach Lille in Nordfrankreich umgezogen. Dort haben sie ihre erste Schule besucht, Freundschaften geschlossen und dass Alltagsleben als etwas ganz natürliches wahr genommen. Für mich persönlich waren die Herausforderungen bedingt durch meine Sprachbarriere wesentlich grösser. Da ich meine Frau in Düsseldorf kennengelernt habe und wir uns auf Anhieb blind verstanden und vertrauten ging ich mit der doch falschen Vorstellung nach Frankreich, dass die Unterschiede so gross nicht sein können. Ich wurde auf charmante Art eines besseren belehrt. Als ich nach ungefähr einem Jahr in Lille das Touristengefühl hinter mir gelassen hatte, die an der Oberfläche liegenden kulturellen Unterschiede wie Essen und Musik sehr gut erkennen konnte sind mir die tiefer liegenden Unterschiede aufgefallen. Sie sind so fundamental, dass sie ganz andere Denkstrukturen in den Menschen erzeugen. Über einige dieser mitunter auch lustigen Unterschiede werde ich in Teil 2 berichten.

Und jetzt die entscheidenen Frage. Ist die Sprache der Schlüssel zum Verständnis der französischen Kultur gewesen?

Ich glaube es ist wesentlich hilfreicher ein anderes Bild zu verwenden. Betrachten wir die Kultur eines Landes als eine Grossstadt, dann ist die Sprache wie ein Fahrrad. Um mich in der Großstadt bewegen zu können, muss ich erst einmal Fahrradfahren können. Ich muss kein Fahrradexperte sein, ich muss nur in groben Zügen wissen wie es funktioniert. Mit dem Rad kann ich dann mein Stadtviertel relativ gut kennenlernen. Die gesamte Stadt kennenzulernen nur mit meinem Rad und ohne weiteres Hilfsmittel ist dagegen so gut wie unmöglich. Dazu benötige ich zwei Dinge. Ich muss mein Rad besser verstehen, zum Beispiel wissen wie ich die Gangschaltung benutze und ich brauche auf jeden Fall einen Stadtplan.

Also fassen wir noch einmal zusammen.

Sprache ermöglicht es relativ gut sich in seinem direkten Umfeld zurecht zu finden. Will man aber die Kultur eines Landes verstehen benötigt man fundierteres Sprachwissen und eine gute Allgemeinbildung und somit ist Bildung der Schlüssel zur Kultur und Sprache ein Art Fortbewegungsmittel um sich in der entsprechenden Kultur zurecht zu finden.

Und da kommen wir auch zu den Problemen in unserer politischen Diskussion über Integration.

Zu oft philosophieren Menschen auch in den Medien über Integration, die sich dieser Herausforderung selbst nie stellen mussten. Woher sollen integrationswillige Menschen die Zeit nehmen sich zu bilden, wenn sie neben der Familie aus finanziellem Druck auch noch am Fliessband arbeiten müssen. Und nicht zuletzt fallen in einer kapitalistischen Gesellschaft als erstes die Bildungsangebote und kulturellen Events dem Rotstift zum Opfer. Integration ist nichts, was einfach vom Himmel fällt, nur weil man in einem fremden Land lebt. Integration benötigt Wissen und Bildung auf allen Seiten. Möchte ich in Deutschland jemanden aus einer anderen Kultur integrieren, benötige ich Wissen über diese Kultur und umgekehrt, sonst funktioniert es nicht. Sich dieses Wissen anzueignen benötigt Zeit, Geld und die eigene Bereitschaft dazu. Somit ist Integration keine Einbahnstrasse sondern ein aufeinander Zugehen aller Betroffenen.

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